Wer hat das geschrieben?
Neulich fragte mich jemand, ob ich meine Beiträge selbst schreibe. Ich habe kurz gezögert — und dieses Zögern hat mich mehr beschäftigt als die Antwort. Denn die ehrliche Antwort ist weder ja noch nein, und es gibt noch keine gute Form, sie zu geben.
Wie das bei mir abläuft, ist unspektakulär. Ich habe einen Gedanken, meistens aus einem Gespräch oder aus etwas, das ich gelesen habe. Ich diktiere ihn grob. Dann entsteht ein Entwurf, den ich lese, an dem mir die Hälfte nicht gefällt, den ich umstelle, kürze, an drei Stellen widerspreche. Das geht ein paar Runden, und am Ende steht ein Text, den ich unterschreiben kann.
Habe ich den geschrieben? Nach dem alten Verständnis: nicht ganz. Nach dem, was der Text aussagt: durchaus.
Warum das Zögern kommt
Ich glaube, das Zögern hat weniger mit Scham zu tun als mit fehlender Sprache. Für die Zusammenarbeit von zwei Menschen an einem Text haben wir eine Menge Wörter — Koautor, Redaktion, Lektorat, Ghostwriter. Jedes dieser Wörter beschreibt eine bestimmte Aufteilung von Arbeit und Verantwortung.
Für das, was hier passiert, gibt es diese Wörter noch nicht. „Mit KI geschrieben" klingt, als hätte man auf einen Knopf gedrückt. „Selbst geschrieben" verschweigt etwas. Beides trifft es nicht, und deshalb zögert man.
Das Unbehagen kommt nicht davon, dass etwas Unrechtes passiert. Es kommt davon, dass wir noch kein Wort für das haben, was tatsächlich passiert.
Was ich für den entscheidenden Unterschied halte
Für mich hängt die Antwort nicht daran, wer die Sätze gebaut hat, sondern an drei anderen Fragen. Stammt der Gedanke von mir? Habe ich jede Behauptung geprüft, die darin steht? Und stehe ich dafür gerade, wenn sich jemand daran stört?
Solange ich diese drei Fragen mit Ja beantworte, ist es mein Text — unabhängig davon, wie viele Formulierungen ich selbst getippt habe. Wenn ich eine davon mit Nein beantworten müsste, wäre es keiner, und dann würde auch der Hinweis auf ein Werkzeug nichts besser machen.
Was das für die Kennzeichnung heißt
Daraus folgt für mich ein pragmatischer Umgang. Ich verstecke nicht, wie diese Texte entstehen, und ich hänge auch keinen Warnhinweis darunter. Wer fragt, bekommt die ehrliche Beschreibung: Der Gedanke ist meiner, die Ausarbeitung entsteht im Wechsel, die Verantwortung liegt bei mir.
Interessanterweise ist das genau die Auskunft, die man auch über andere Arbeit gibt. Niemand fragt bei einer Präsentation, wer die Folien gebaut hat. Man fragt, ob der Vortragende weiß, wovon er redet.
Die Frage „Hast du das selbst geschrieben?" wird gerade zur falschen Frage. Die richtige lautet: „Stehst du dafür gerade?"
Was ich daraus mitnehme
Ich rechne damit, dass diese Diskussion in den nächsten Jahren gesetzlich beantwortet wird, zumindest für bestimmte Inhalte. Kennzeichnungspflichten sind unterwegs, und das ist auch richtig — bei erzeugten Bildern und Stimmen sind die Missbrauchsmöglichkeiten offensichtlich.
Für Texte wie diesen wird es damit nicht beantwortet. Eine Kennzeichnung sagt, wie etwas entstanden ist. Sie sagt nichts darüber, ob jemand es durchdacht hat. Genau das ist aber die Information, die Leser eigentlich wollen.
Ich habe mir deshalb angewöhnt, die Frage nicht mehr zu umschiffen. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit, und ich finde das nicht peinlich, sondern zutreffend. Peinlich wäre, einen Text zu veröffentlichen, den ich nicht verstanden habe.