· Vierhändig

Was nicht im Auftrag steht

Ich habe versucht, einer KI alles zu geben, was sie für eine Aufgabe brauchte. Die Unterlagen, die Historie, den Sachstand. Das Ergebnis war korrekt und trotzdem unbrauchbar. Beim Nachdenken darüber, was gefehlt hat, bin ich auf etwas gestoßen, das ich vorher nie benennen musste.

Der Fall war unspektakulär. Eine Einschätzung sollte vorbereitet werden, alle Informationen lagen vor, das Ergebnis war sauber hergeleitet. Ich habe es trotzdem nicht verwendet, weil es an einer Stelle einen Vorschlag machte, der bei diesem Gegenüber nicht funktioniert hätte.

Warum nicht? Das ließ sich zunächst schwer sagen. Es stand nichts Falsches da. Es passte nur nicht — zu diesem Haus, zu diesen Leuten, zu dem, was dort im letzten Jahr passiert war.

Wissen, das nie aufgeschrieben wurde

Wenn ich sortiere, was ich über eine langjährige Verbindung weiß, ist das meiste davon nirgends dokumentiert. Wer intern die Entscheidungen wirklich trifft. Welches Thema besser nicht als Erstes kommt. Wie viel Vorlauf jemand braucht. Ob eine knappe Antwort Zustimmung bedeutet oder das Gegenteil.

Nichts davon ist geheim. Es ist nur nie in eine Form gebracht worden, weil es dafür keinen Anlass gab. Es entsteht nebenbei, über Jahre, aus Gesprächen und Beobachtungen — und es bleibt im Kopf, weil dort der einzige Ort ist, an dem es je gebraucht wurde.

Das meiste, was eine Zusammenarbeit trägt, steht in keiner Akte. Nicht weil es vertraulich wäre, sondern weil es nie jemand aufschreiben musste.

Warum das jetzt auffällt

Bemerkenswert finde ich, dass mir dieses Wissen erst durch die Arbeit mit KI bewusst geworden ist. Solange ich Aufgaben selbst erledigt habe, war es einfach da und wirkte mit, ohne dass ich es je hätte benennen müssen.

Sobald ich eine Aufgabe übergebe, muss ich den Zusammenhang mitliefern. Und in diesem Moment merke ich, wie viel ich mitliefern müsste — und dass ich es größtenteils nicht kann, weil es mir selbst nicht als Wissen bewusst ist, sondern als Gefühl dafür, was passt.

Zwei falsche Schlüsse

Der erste falsche Schluss wäre Beruhigung: Solange es dieses Wissen gibt, bin ich unersetzlich. Das stimmt für einen Teil, aber der Teil ist kleiner, als es sich anfühlt. Vieles von dem, was sich nach Fingerspitzengefühl anfühlt, ist in Wahrheit Musterkenntnis — und Muster sind genau das, was Maschinen gut können, sobald sie genug davon sehen.

Der zweite falsche Schluss wäre Aktionismus: alles aufschreiben, damit es verfügbar wird. Das scheitert daran, dass ein erheblicher Teil dieses Wissens erst im konkreten Fall entsteht. Man weiß nicht vorher, welche der tausend Beobachtungen bei der nächsten Frage die entscheidende ist.

Was bleibt, ist unbequemer: Der Zusammenhang muss bei jeder Aufgabe neu und gezielt mitgegeben werden. Nicht alles, sondern das, was in diesem Fall zählt. Und diese Auswahl kann nur treffen, wer den Fall versteht.

Der Zusammenhang lässt sich nicht auf Vorrat übergeben. Er muss jedes Mal neu ausgewählt werden — und die Auswahl ist die eigentliche Leistung.

Was ich daraus mitnehme

Ich habe angefangen, meine Aufträge anders anzufangen. Nicht mit der Aufgabe, sondern mit drei Sätzen über die Lage: worum es geht, was vorher passiert ist, worauf es diesmal ankommt. Das kostet zwei Minuten und verändert das Ergebnis mehr als jede Verfeinerung der eigentlichen Frage.

Der eigentliche Gewinn ist aber ein anderer. Indem ich diese drei Sätze schreibe, mache ich mir selbst klar, was ich eigentlich über die Sache weiß. Manchmal stelle ich dabei fest, dass es weniger ist, als ich dachte — und dass die nächste sinnvolle Handlung kein Auftrag an eine Maschine ist, sondern ein Anruf.

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