Ich sammle keine Prompts mehr
Ich hatte eine Datei mit guten Formulierungen. Über Monate gewachsen, ordentlich sortiert, mein kleiner Schatz im Umgang mit KI. Neulich habe ich sie geöffnet und festgestellt: Ich benutze nichts davon mehr. Das war zuerst ärgerlich und beim zweiten Nachdenken beruhigend.
Am Anfang funktionierte das Sammeln gut. Man fand heraus, dass eine bestimmte Art zu fragen bessere Antworten brachte, schrieb sie auf, benutzte sie wieder. Es fühlte sich an, wie ein Handwerk zu lernen: erst die Griffe, dann die Routine.
Nur hält dieses Handwerk nicht. Die Formulierungen, die vor einem Jahr den Unterschied machten, sind heute überflüssig, weil die Werkzeuge das Gemeinte inzwischen von selbst verstehen. Was damals ein Trick war, ist heute eingebaut.
Was tatsächlich übrig bleibt
Beim Durchgehen der alten Sammlung fiel mir auf, dass nicht alles verfallen ist. Verfallen sind die Formulierungen — die Zauberworte, die Reihenfolgen, die Kniffe. Nicht verfallen ist das, was ich beim Sammeln nebenbei gelernt habe.
Nämlich: dass ein Auftrag ohne Beispiel selten funktioniert. Dass es hilft, das gewünschte Format zu zeigen statt zu beschreiben. Dass man sagen muss, was nicht gewollt ist, weil sonst genau das kommt. Und dass eine Rückfrage der Maschine meistens ein Zeichen dafür ist, dass ich unklar war.
Das sind keine Prompts. Das sind Erkenntnisse darüber, wie man etwas erklärt. Sie funktionieren mit jedem Werkzeug, auch mit dem, das nächstes Jahr kommt — und sie funktionieren mit Menschen.
Die Formulierung veraltet mit dem Werkzeug. Das Verständnis dafür, warum sie funktioniert hat, veraltet nicht.
Warum Sammlungen trotzdem angelegt werden
In Unternehmen begegnen mir solche Sammlungen inzwischen häufig: geteilte Bibliotheken mit geprüften Formulierungen für wiederkehrende Aufgaben. Das ergibt in einem Punkt Sinn und in einem anderen nicht.
Sinnvoll ist es, wenn es um Verlässlichkeit geht. Wenn zwanzig Leute denselben Vorgang bearbeiten, will man nicht zwanzig verschiedene Ergebnisse. Da ist eine festgelegte Formulierung dasselbe wie ein Formular: Sie sorgt für Gleichmäßigkeit, nicht für Qualität.
Weniger sinnvoll ist es als Lernangebot. Wer fertige Formulierungen bekommt, lernt nichts über den Umgang mit dem Werkzeug — er lernt, Textbausteine einzusetzen. Und wenn sich das Werkzeug ändert, steht er wieder am Anfang, nur mit einer Bibliothek, die niemand mehr pflegt.
Was ich stattdessen mache
Ich notiere seit einer Weile etwas anderes. Nicht die Formulierung, die funktioniert hat, sondern den Fall, in dem etwas schiefging — und warum. „Hat den Zeitraum ignoriert, weil ich zwei Zeiträume im selben Satz hatte." Solche Notizen bleiben nützlich, weil sie über meine eigenen Fehler etwas sagen, nicht über das Werkzeug.
Der Nebeneffekt gefällt mir: Diese Liste wird nicht länger, sondern kürzer. Dieselben Fehler tauchen wieder auf, und irgendwann macht man sie nicht mehr.
Ich habe aufgehört zu notieren, was funktioniert hat. Ich notiere, was schiefging und warum. Das eine veraltet, das andere nicht.
Was ich daraus mitnehme
Es gibt eine bequeme Vorstellung davon, wie man mit KI umgehen lernt: Man eignet sich Kniffe an, sammelt sie, wird dadurch besser. Diese Vorstellung ist attraktiv, weil sie das Lernen abschließbar macht — irgendwann hat man genug beisammen.
Ich glaube inzwischen, dass es andersherum läuft. Was man sammeln kann, veraltet. Was bleibt, ist die Fähigkeit, ein Problem so zu beschreiben, dass es jemand anders lösen kann, und zu erkennen, ob die Lösung taugt. Dafür gibt es keine Datei.
Meine alte Sammlung habe ich übrigens nicht gelöscht. Sie steht als Erinnerung daran, wie überzeugt ich war, etwas Dauerhaftes anzulegen.