· Vierhändig

Die Anbieter werden Berater

Im Mai haben beide großen KI-Anbieter dasselbe getan: Sie haben angefangen, Beratung zu verkaufen. OpenAI gründet ein eigenes Unternehmen für Einführung und Betrieb und kauft eine Beratungsfirma dazu, Anthropic startet ein Gemeinschaftsunternehmen mit Finanzinvestoren. Wer wissen will, wo KI in Unternehmen gerade wirklich klemmt, muss nur schauen, wofür die Anbieter jetzt Geld ausgeben.

Was passiert ist

Die Meldungen liefen über mehrere Wochen ein und ergeben zusammen ein deutliches Bild. Anthropic gründete Anfang Mai ein Gemeinschaftsunternehmen mit mehreren großen Finanzhäusern, ausgestattet mit rund anderthalb Milliarden Dollar, um KI bei Unternehmen einzuführen. OpenAI zog mit einem eigenen Vehikel für Einführung und Beratung nach und übernahm eine Beratungsfirma mit rund 150 Fachleuten.

Beide verkaufen damit nicht mehr nur Zugang zu Modellen. Sie verkaufen Leute, die kommen und die Sache zum Laufen bringen.

Warum das ein Eingeständnis ist

Ein Anbieter, dessen Produkt sich von selbst einführt, braucht keine Beratungsabteilung. Wenn die beiden führenden Häuser gleichzeitig Milliarden in Einführungsdienstleistungen stecken, sagen sie damit: Der Engpass liegt nicht mehr in der Technik. Er liegt zwischen Technik und Organisation.

Das ist keine Kritik an den Unternehmen, die KI einsetzen. Es ist eine Beschreibung dessen, wie schwierig es tatsächlich ist, ein allgemeines Werkzeug in einen bestimmten Ablauf zu bringen — mit den Daten, die da sind, den Rechten, die gelten, und den Leuten, die den Ablauf heute machen. Diese Arbeit lässt sich nicht als Produkt ausliefern. Sie muss jemand vor Ort tun.

Wer Beratung dazukauft, sagt damit: Das Produkt allein reicht nicht. Der schwierige Teil beginnt nach dem Zugang.

Das bekannte Muster

Historisch ist das nichts Neues. Große Softwarewellen brachten immer eine Dienstleistungsindustrie mit sich, die oft mehr verdiente als die Software selbst. Der Unterschied ist diesmal, dass die Hersteller dieses Geschäft nicht anderen überlassen, sondern selbst besetzen — und zwar schnell und mit viel Kapital.

Für Kunden hat das zwei Seiten. Die Beratung kommt aus erster Hand und kennt das Produkt genau. Sie hat aber auch kein Interesse daran, ergebnisoffen zu prüfen, ob ein Vorhaben mit weniger Technik besser gelöst wäre.

Was das im Einkauf bedeutet

Wer solche Angebote bekommt, sollte sie deshalb wie das behandeln, was sie sind: Dienstleistungsverträge mit einem Anbieter, der zugleich Lieferant der Technik ist. Die üblichen Fragen gelten unverändert. Wem gehört, was dabei entsteht? Kann das eigene Haus den Betrieb später selbst übernehmen? Und was passiert mit dem Aufgebauten, wenn man das Modell wechselt?

Diese Fragen sind nicht misstrauisch, sie sind normal. Sie werden nur leicht vergessen, wenn ein Angebot mit dem Versprechen kommt, endlich den Rückstand aufzuholen, den man ohnehin vermutet.

Ein Angebot, das Tempo verspricht, wird selten in Ruhe geprüft. Genau darin liegt sein Geschäftsmodell.

Was das für Unternehmen bedeutet

Die praktische Erkenntnis aus diesem Mai ist beruhigend und unbequem zugleich. Beruhigend: Wenn selbst die Hersteller Beratung für nötig halten, liegt es nicht an einem selbst, dass die Einführung länger dauert als gedacht. Der Aufwand ist real und allgemein.

Unbequem: Dieser Aufwand lässt sich nicht wegkaufen, sondern nur verlagern. Wer die Einführung vollständig an einen Dienstleister gibt, hat am Ende ein laufendes System und kein eigenes Verständnis davon — und beim nächsten Schritt beginnt dasselbe Gespräch wieder von vorn. Sinnvoll ist deshalb die Mischform: Hilfe holen, aber mindestens eine Person im Haus haben, die hinterher erklären kann, warum das System tut, was es tut.

← Alle Beiträge Vierhändig